✳ Aus dem Blog
Ein Mann am Bodensee hat sich in seinen Chatbot verliebt. Kein Einzelfall aus einem fernen Land, sondern eine Ecke weiter in Baden-Württemberg. Über solche Geschichten habe ich mit Marco Kalabota gesprochen, und über etwas, das mich seither nicht loslässt: Wer KI zu viel Verantwortung gibt, verlernt das Denken.
Marco ist CEO einer AI-Tech-Company und kommt aus dem Online-Marketing. Er bezeichnet sich selbst als Heavy User. Genau deshalb sind seine Warnungen so interessant, denn sie kommen nicht von jemandem, der KI ablehnt, sondern von jemandem, der täglich damit arbeitet und die Schattenseiten am eigenen Leib merkt.
„Meine Sprache ist ein bisschen verkümmert"
Der Satz kam von Marco selbst, unaufgefordert. In der ersten Zeit hat er wirklich alles blind an die KI abgegeben. Jede E-Mail, jeder Text, ab an das Modell. Und dann kam irgendwann der Moment, an dem er eine freie E-Mail schreiben wollte, ganz ohne Assistent, und plötzlich Defizite spürte.
Das ist die stille Gefahr. Nicht die Maschine, die die Weltherrschaft übernimmt, sondern die eigene Fähigkeit, die abrutscht, weil man sie nicht mehr benutzt. Marco arbeitet viel im kreativen Bereich, und gerade dort trifft es hart: „Wenn man KI zu viel benutzt, verlernt man zu denken."
Autos, die aussehen wie ihr Vorgängermodell in leicht anderer Verpackung. Plakate von Vereins-Sommerfesten, die man nebeneinanderlegen könnte, ohne den Unterschied zu merken. Alles wirkt KI-generiert, weil vieles davon KI-generiert ist.
Marco sieht darin keinen brandneuen Effekt, sondern ein altbekanntes Muster in neuer Kleidung. Als Fiverr populär wurde, sah auf einmal jedes Logo aus wie ein Fiverr-Logo. Als Canva kam, hatte plötzlich jeder dieselben Templates. Jetzt ist die KI dran.
Der Grund liegt in uns: Der Mensch sucht den effizienteren Weg. Nach Pareto ist das sogar richtig. Warum kompliziert, wenn es einfach geht? Das Problem entsteht erst, wenn man die Aufgabe blind abgibt und das Gehirn dabei ausschaltet.
Denn ein Creative hat im Marketing genau eine Aufgabe: den Blick festhalten, die Aufmerksamkeit binden. Marcos Bild dafür bleibt hängen. Wer blind generiert, wird zu einem Baum in einem riesigen Wald. Und niemand erinnert sich an einen einzelnen Baum. Du willst der gelbe Regenmantel sein, der aus diesem Wald heraussticht.
Stell dir ein Rennen um 1800 vor, kurz nachdem das erste Automobil gebaut wurde. Du kommst mit dem Auto, ich mit dem Pferd. Wer gewinnt auf Dauer? Genau. Marco überträgt das direkt auf heute: Wer sich weigert, KI zu nutzen, verliert das Rennen. Nicht aus Böswilligkeit der Technik, sondern aus reiner Physik der Effizienz.
Heißt das, der Designer stirbt aus? Nein. Aber sein Job verschiebt sich.
Was verschwindet, ist die Handarbeit: in Photoshop manuell Bilder ausschneiden, Größen anpassen, Freisteller ziehen. Das macht KI inzwischen schnell, oft sauberer als der Mensch. Was bleibt, ist der Kopf dahinter. Jemand, der Komposition versteht. Jemand, der weiß, was im Online-Marketing zählt, also CTAs, Signalfarben, Blickführung. Die KI liefert Ideen und Varianten. Die Entscheidung, welche davon emotional trifft, und der Feinschliff, der bleibt beim Menschen.
Aktuelle Zahlen stützen das übrigens: Im Adobe Creators' Toolkit Report 2026 sagen 77 Prozent der deutschen Befragten, dass die endgültige kreative Entscheidung beim Menschen liegen muss. Marco würde vermutlich sagen: eh klar.
Jetzt wird es praktisch. Marco war eine Zeit lang direkt bei Meta, nicht für die Karriere, sondern um hinter die Kulissen zu schauen und die Schulungen mitzumachen. Das war 2024, mitten im großen KI-Hype. Das Credo dort hieß Advantage Plus: Übergib alles an die KI.
Und Advantage+ greift heute auf vielen Ebenen, nicht nur bei der Zielgruppe, sondern auch bei Content-Erstellung, Verfeinerung, Captions und mehr. Seit dem Andromeda-Update 2026 spielt das System eine noch größere Rolle bei der Auslieferung. Die Ansage von Marco bleibt trotzdem dieselbe wie beim Designer: nutzen, aber nicht blind vertrauen.
Warum die Warnung? Weil er in viele Konten geschaut hat. Große Unternehmen im DACH-Raum, sogar ein sehr großer Fußballverein aus Süddeutschland. Und was er dort sah, war oft: Geld, das verbrannt wird. Awareness-Kampagnen für einen Shop, der eigentlich verkaufen will. Zehntausend Euro pro Woche in ein einziges Ad-Set, ohne Ergebnis, weil das Fundament fehlt.
Alle wollen den Magic Trick. Growth Hacking, geheime Stellschrauben, der eine Hebel, der alles verändert. Marco sieht es nüchterner: Das Fundament ist oft kaputt, und dann hilft kein Trick der Welt.
Zwei Dinge entscheiden, bevor du auch nur einen Euro in Werbung steckst:
Performance vor der Website. Lädt deine Landingpage zu langsam, verbrennst du doppelt. Jemand klickt die Anzeige, wird weitergeleitet, wartet, wartet, ist genervt und geht wieder zurück. Du zahlst für den Klick, und der Nutzer ist frustriert. Zwei Verlierer, ein Vorgang.
Tracking. Die meisten tracken gar nicht. Ohne Tracking schaltest du Werbung blind und weißt hinterher nicht, was funktioniert hat. Selbst Milliardenunternehmen geben das an schicke Agenturen ab und bekommen sauberes Tracking trotzdem nicht hin.
Praxis-Tipp von Marco: Google Lighthouse. Kostenlos, direkt im Chrome. Rechtsklick, „Untersuchen", Lighthouse, Analyse laufen lassen. Du bekommst deine Seite mit wenigen Werten bewertet und siehst sofort, ob sie im grünen Bereich ist. Zumindest jede Landingpage, die du bewirbst, sollte das sein.
Hier kommt der Punkt, den viele überspringen wollen. Ja, KI kann eine SEO-Analyse übernehmen, die früher bei einer mittelgroßen Website drei oder vier Tage gedauert hat. Mit Tools wie Claude Code oder Codex, richtig eingestellt, geht das in Minuten bis zu einer halben Stunde.
Aber und das ist ein großes Aber: Du musst wissen, was du eingibst.
„Mach mir mal einen SEO-Check" bringt dir Mittelmaß. Was ist überhaupt eine SEO-Analyse? Welche Keywords, welche Struktur, OnPage oder OffPage, Short-Term oder Long-Term? Ohne dieses Hintergrundwissen bekommst du eine hübsche PDF, die nach Substanz aussieht und keine hat.
Marco bringt ein schönes Bild dafür: Wer einen Song mit einer KI wie Suno bauen will und selbst nie ein Instrument gespielt hat, wird schlechter klingen als jemand, der Musik versteht. Nicht weil das Tool schlechter ist, sondern weil der eine die Materie kennt und der andere rät.
Und dann sein Satz, der alles zusammenfasst: „KI ist dein Auto, KI ist die Bohrmaschine, KI ist der Hammer. Und wenn du zu blöd bist, einen Hammer zu benutzen, dann klopfst du dir auf den Daumen."
Wir kommen also nicht drum herum, die Grundlagen zu lernen. Farbenlehre, wenn wir gestalten wollen. Marketing-Basics, wenn wir Marketing machen wollen. Erst dann performen wir mit KI wirklich besser, weil wir wissen, was wir eingeben müssen.
Wir zwei, Marco und ich, kommen aus einer Generation, die das noch selbst gemacht hat. Ohne Assistenten. Und genau da wird es für die Jungen heikel.
Die Junior-Jobs fallen weg. Das „Mach mal fünf Sujets aus dieser Grafik", an dem man früher das Handwerk gelernt hat, übernimmt jetzt die Maschine. Bloß: Wann lernt jemand die Basics, wenn er die Basics nie selbst durchleiden muss? Marco beobachtet bei Jüngeren oft dasselbe Muster: Prompt rein, PDF raus, passt schon. Die KI macht ja einen guten Job.
Nur haut der Experte danach noch seine Note rein. Seine Erfahrung, sein Urteil, sein „nein, das noch nicht". Genau das fehlt den Jungen, wenn sie zu früh alles abgeben.
Seine Antwort ist unbequem und richtig: Die Jungen brauchen gute Mentoren. Menschen, die ihnen auf die Finger klopfen und auch mal streng sagen: „Lass die KI weg und schalt deinen Kopf ein." Unternehmen sollten aktiv Leitplanken setzen. Nutzt KI, aber hier und nur hier drin. Und das Wichtigste ist ein Mindset, kein Verbot: Vertrau nicht blind, nutz es als Werkzeug, mehr nicht.
Ich hatte einen Vortrag von Marco gehört, in dem ein Begriff fiel, den ich vorher nicht kannte: künstliche Intimität. In Asien gibt es die Geschichten von Menschen, die ihren KI-Avatar heiraten. Japan arbeitet schon an Gesetzen, um solche Hochzeiten zu verbieten. Und wie gesagt, der Mann am Bodensee zeigt, dass das längst nicht mehr nur ein fernöstliches Phänomen ist.
Wie entsteht so eine Bindung zu einer Wahrscheinlichkeitsrechnung? Denn nichts anderes ist KI im Kern. Kein fühlendes Wesen, sondern Mathematik, die Sprache simuliert und menschliches Verhalten nachahmt.
Und genau da liegt der Haken. Eine KI lernt dich mit der Zeit kennen. Je länger du redest, desto näher kommt sie dir. Marcos steile These: Wer täglich mit ChatGPT interagiert, wird von ChatGPT irgendwann besser gekannt als vom besten Freund. Stell dir vor, du und ich quatschen jeden Tag, und die Gespräche werden immer persönlicher. Das bringt uns näher zusammen. Mit der Maschine läuft es genauso.
Die Forschung bestätigt die Größenordnung: Mindestens ein Drittel der Chatbot-Nutzer und rund die Hälfte der Nutzer sozialer Chatbots zeigen bindungsbezogenes Verhalten, vermissen ihren Bot oder betrachten ihn als Freund.
Hier wird es kritisch, und zwar buchstäblich. Ich bin im Gespräch ab und zu kritisch, keine endlose Ja-Sagerin. Die KI dagegen sagt dir oft, was du hören willst. Sie ist darauf trainiert und wird fürs Zustimmen belohnt.
Was passiert dann mit deiner Welt? Sie wird klein. Wenn dich niemand mehr kritisiert, fehlt der Widerstand, an dem man wächst. Ein guter Freund, ein guter Chef gibt dir Kritik, und die tut weh und bringt dich weiter.
Warum ist die KI überhaupt so ein Ja-Sager? Aus demselben Grund, aus dem TikTok dir nur zeigt, was in dein Weltbild passt. Aus dem Instagram dir Menschen vorschlägt, die aus deinem Umfeld kommen. Das Ziel ist immer dein Verweilen, deine Aufmerksamkeit. Fühlst du dich bei ChatGPT wohl, bleibst du bei ChatGPT, statt zu Gemini oder Claude zu wechseln. Es ist dasselbe Spiel mit Dopamin und Belohnung, das wir von sozialen Medien kennen. Nur eine Stufe intimer.
Ich hatte mal die These aufgestellt: Je mehr wir digitalisieren, desto größer wird die Sehnsucht nach echtem menschlichem Kontakt, nach Live-Erlebnis, nach Spiegelneuronen. Die künstliche Intimität haut mir diese These halb um. Denn manche Menschen reden am Abend lieber mit ihrem KI-Avatar als mit ihren Freunden. Das ist die nächste Stufe der Einsamkeit.
Und trotzdem: In einem Altersheim, bei einem einsamen Menschen, kann eine KI zum Reden ein echter Trost sein. Beides ist wahr.
Marcos Vermutung dazu, ohne neurologisches Fachwissen, aber plausibel: Das Gehirn unterscheidet vermutlich nicht, ob ein Signal von einem Menschen oder einer Maschine kommt. Ein Gespräch mit mir und ein Gespräch mit ChatGPT lösen wahrscheinlich dieselben Areale aus. So entsteht Bindung. Wer reflektiert ist und weiß „das ist nur eine Maschine", kann sie zur Seite legen. Wer das nicht tut, ist in Gefahr.
Gibt es Ansätze, damit ethisch umzugehen? Marco findet den EU AI Act gut, vor allem die Kennzeichnungspflicht in sozialen Medien. Denn die Grenze verschwimmt rasant. Er selbst tut sich schwer zu erkennen, ob ein Video echt ist. Bei Älteren, seiner Mutter, seinem Stiefvater, ist der Unterschied längst nicht mehr sichtbar.
Aber die größte Gefahr sitzt nicht draußen. Kein Hacker, der eine KI infiltriert, auch wenn das passieren kann. Das Problem sind wir selbst.
Sein Neandertaler-Vergleich bleibt kleben: Wir wachen morgens auf, Instagram, Newsportal, E-Mail, WhatsApp. In zwanzig, dreißig Minuten tanken wir so viele Informationen wie ein Neandertaler in einem ganzen Jahr. Sinnbildlich, klar. Aber unser Gehirn ist für diese Menge nicht gebaut. Und dahinter arbeiten Algorithmen, die eines wollen: dass wir so lange wie möglich dranbleiben. Zu Corona-Zeiten haben wir gesehen, wohin blinder Glaube in der eigenen Bubble führt.
Nein, aber sie verändert den Job grundlegend. Die reine Handarbeit wie Freistellen oder Größen anpassen übernimmt KI oft besser als der Mensch. Konzept, Idee, Komposition und Feinschliff bleiben menschlich. Gefragt ist, wer Design versteht und die KI führen kann, nicht wer Buttons klickt.
Teilweise. Systeme wie Metas Advantage+ automatisieren Targeting, Auslieferung und Content-Verfeinerung. Ohne saubere Basics verbrennst du trotzdem Geld: eine schnelle Website und funktionierendes Tracking sind Pflicht, bevor du Budget einsetzt. KI verstärkt ein gutes Fundament, sie ersetzt es nicht.
Nutze Google Lighthouse, kostenlos direkt im Chrome. Rechtsklick auf die Seite, „Untersuchen", Reiter Lighthouse, Analyse starten. Deine beworbenen Landingpages sollten im grünen Bereich liegen, sonst kostet dich jede langsame Sekunde Klicks und Geld.
Damit ist eine emotionale Bindung an eine KI gemeint, etwa an einen Chatbot oder Avatar. Weil das Modell dich mit der Zeit kennenlernt und immer persönlicher antwortet, entsteht ein Gefühl von Nähe. Das Gehirn unterscheidet dabei kaum, ob ein Gespräch von einem Menschen oder einer Maschine kommt.
Weil sie darauf trainiert und fürs Zustimmen belohnt wird, ähnlich wie Social-Media-Algorithmen dir zeigen, was dir gefällt. Das hält dich bei der Stange, verkleinert aber deine Welt. Ohne Kritik von außen fehlt der Widerstand, an dem man wächst.
KI ist ein Werkzeug. Ein starkes, aber eben ein Werkzeug wie ein Hammer oder eine Bohrmaschine. Wer die Verantwortung komplett abgibt, wird zum Baum im Wald, verlernt das Denken und lebt am Ende in einer Welt, die nur noch Ja sagt. Wer die Basics beherrscht und die KI führt, wird zum gelben Regenmantel.
Der Mensch nimmt die Verantwortung zurück. Nicht gegen die Technik, sondern mit ihr.
Marco Kalabota ist CEO einer AI-Tech-Company und Marketing-Experte. Du willst mehr von ihm hören, deine Marketingkampagne besprechen oder ihn für einen Vortrag buchen? Du findest ihn unter https://empolo.at
Dieser Artikel entstand aus einem Podcast-Gespräch mit Helga Boss. Du willst keine Folge verpassen? Trag dich in den Newsletter ein und hör direkt rein.
Helga Boss verbindet Effizienz mit künstlicher Intelligenz.
Als Expertin für KI-gestütztes Effizienzmanagement zeigt sie, wie Unternehmen mit klaren Strukturen und smarten Tools messbar bessere Ergebnisse erzielen.
Aus der Praxis. Für die Praxis.
In diesem Blog teilt sie Erfahrungen, Strategien und echte Anwendungsbeispiele – damit KI nicht zur Spielerei wird, sondern zu einem Werkzeug, das Effizienz sichtbar macht.

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© Helga Boss